22.4.10

Zum Umgang mit geistigen Erfahrungen

Normalerweise bindet der anthroposophisch Arbeitende sein Gedankenleben an den intellektuellen Aspekt von Rudolf Steiners Worten. Er erweitert so sein WISSEN.

Wer aber weiter schreitet und den lebendigen Aspekt des Werkes Rudolf Steiners erkennt und praktiziert, der kommt zu inneren, geistigen Erfahrungen. Er erweitert sein LEBEN.

Der Umgang mit geistigen Erfahrungen ist nicht einfach. Deshalb auch die radikale Abwehr, Verleugnung oder Ablehnung solcher eigenständigen geistigen Erfahrungen durch viele führende Anthroposophen.

Immer wieder erlebt man natürlich, dass in der Abwehr auch eine Berechtigung liegt, da viele Menschen im Umgang mit persönlichen geistigen Erfahrungen Fehler machen. Nur durch einen ernsthaften Umgang mit diesen Erfahrungen im Sinne von "Wie erlangt man..." vermeidet man die negativen Folgen geistiger Schauungen.

Man erliegt sonst nämlich Versuchungen. Solche Versuchungen beschreibt Bernward Rauchbach in seinem E-Buch "2033" in vortrefflicher Weise. Man versteht dann auch besser das Unwohlsein bei der Begegnung mit manchen prominenten geistig Schauenden :

Die 1. Versuchung

Die erste Versuchung in unserer Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird darin bestehen, das geistige Bild, die Imagination, die Inspiration und die Intuition als Wahrheit an sich aufzufassen. Jeder Mensch, der den Funken der Freiheit in sich spürt und der die Relation von Bewusstsein und Wirksamkeit erfahren hat wird merken, dass auch ein geistiges Bild, eine geistige Realität in einer Relativität zur Wirksamkeit der Wirklichkeit steht.
Imaginationen sind keine Wahrheit, sie sind Ausdruck von Aspekten einer Wahrheit, die größer ist als die Imagination selbst, so wie das Bild des Baumes nicht den ganzen Baum erfasst sondern einen Aspekt des Baumes nur zu erfassen in der Lage ist.


Die 2. Versuchung

Die zweite Versuchung wird darin bestehen, mit dem Erliegen gegenüber der ersten Versuchung, mit der erfassten, geistigen Wahrheit den Mitmenschen erschlagen zu wollen. Damit ist nicht gemeint, dass sich ein Mensch nicht z.B. von diesen Zeilen erschlagen fühlen kann, sondern es ist nur gemeint, dass der Mensch vermeiden sollte, mit der Wahrheit, die er aufzufassen glaubt, einen Menschen erschlagen zu wollen. Diesem Irrtum nicht zu erliegen bedeutet, offen zu bleiben für die Möglichkeit des eigenen Irrtums, offen zu bleiben für die Differenzierung, für die
Charaktermerkmalsverschiebungen in der eigenen Auffassung, für die verborgene Wahrheit, die sich in allem ausdrückt, das nebeneinander im Bewusstsein, im Austausch von Bewusstsein und in gemeinschaftlichem Bewusstsein auf den Plan tritt. Diese Versuchung ist besonders groß und sie ist der erste Stolperstein, an dem vieles, sehr vieles bereits zum erliegen kommt, das hoffnungsvoll begonnen hat.

Die 3. Versuchung

Die dritte Versuchung besteht darin, mit dem Erliegen der ersten Versuchung in den Glauben zu fallen, die eigene Entwicklung, das eigene Forschen und das individuelle Bemühen beenden zu können und sich innerlich zur Ruhe zu setzen und auszuruhen. Ruhe ist wichtig, doch Selbstgenuss über tatsächlichen oder eingebildeten Lorbeeren ist nicht nur schädlich für den, der sich dazu entschließt, sondern auch für die Gemeinschaft, die fortan auf die Früchte aus dieses Einen Arbeitverzichten muss.